Zurück

ⓘ Volksglaube




Volksglaube
                                     

ⓘ Volksglaube

Der Begriff Volksglaube findet sich in der deutschsprachigen Geisteswissenschaft seit dem späten 18. Jahrhundert. Oft wird er synonym zum pejorativ besetzen Begriff Aberglauben verwendet, also auf als heidnisch oder okkult empfundene Überzeugungen und Handlungen bezogen. Andere Autoren bezeichnen mit Volksglauben die so genannte Volksfrömmigkeit, also vom kirchlichen Lehramt nicht vorgesehene, aber sanktionierte oder geduldete Glaubenspraktiken. Im Laufe der andauernden Diskussion um den Begriff und seine Tauglichkeit wurden auch Definitionen versucht, welche die Gesamtheit der Erscheinungsformen eines regional verbreiteten Glaubens neutral und umfassend einschließen sollten; so definiert etwa das Wörterbuch der Deutschen Volkskunde von Oswald A. Erich und Richard Beitl Volksglaube als "das, was das Volk zumal in Bezug auf die außer- und übernatürliche Welt für wahr hält", wozu letztlich nicht nur religiöse Glaubensinhalte, sondern unter anderem auch außerwissenschaftliche Vorstellungen von Heilpraktiken zählen.

                                     

1. Begriffsgeschichte

Der Begriff ist wie Volkslied und Volksgeist eines der vielen Komposita auf Volk-, die durch das Werk Johann Gottfried Herders weite Verbreitung fanden. Bei Herder steht das Wort jedoch noch nicht für die Eigenart eines Volkes, sondern quasi als menschliche Universalie: So gilt ihm die Vorstellung von der Unsterblichkeit der Seele "als allgemeiner Volksglaube auf der Erde, das Einzige, das den Menschen im Tode vom Thier unterscheidet", und das Christentum als "Volksglaube, das im volke sich zeigt: das christenthum. Im engeren Sinne bezeichne es jedoch die vorstellungen, die aus alter, grösztentheils heidnischer zeit stammen und vom rationalismus als aberglauben bezeichnet werden.

In der Volkskunde setzte sich die Diskussion um die Begrifflichkeiten im 19. und 20. Jahrhundert fort. Einerseits vermieden viele Volkskundler zunehmend den Begriff "Aberglaube", da dieser eine pejorative Konnotation trägt und somit ein Werturteil ausspreche, das eine objektive Beschreibung verunmögliche. Diese Diskussion ging der Titelwahl eines der ehrgeizigsten volkskundlichen Projekte des 20. Jahrhunderts voraus, dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1927–1942. Im Vorwort äußerten die Herausgeber ihre Ansicht, dass ihnen der Begriff Volksglaube "mißlich" erscheine,

Andererseits schien vielen die Bezeichnung magischer Praktiken oder Handlungen, die in Konkurrenz oder Gegensatz zum Anspruch des christlichen Glaubens standen, als eigentlicher "Volksglauben", problematisch. In der heutigen volkskundlichen Forschung hat sich für den hier beschriebenen Grenzbereich zwischen kirchlichem und magischem Glauben jedoch zunehmend der Begriff der "Volksfrömmigkeit" durchgesetzt.